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Finanzen

Bilanz-Saison im Hochzins-Modus: Amerikas Banken legen heute Rechenschaft ab – Europa hört genau hin

JPMorgan, Goldman Sachs, Citigroup und Wells Fargo eröffnen heute die Berichtssaison. Bei einer zehnjährigen Rendite von über 5,2 Prozent sind die Zahlen der erste Härtetest für Kreditwachstum, Einlagenkosten und Kreditqualität – mit Signalwirkung bis nach Frankfurt.

<h3>Der Anpfiff vor Börseneröffnung</h3><p>Heute, kurz vor 13 Uhr deutscher Zeit, beginnt an der Wall Street die wichtigste Berichtssaison seit Jahren. JPMorgan Chase, Goldman Sachs, Citigroup und Wells Fargo legen ihre Zahlen für das dritte Quartal vor, flankiert von Johnson & Johnson, UnitedHealth und Domino's Pizza. Morgen folgen Bank of America, Morgan Stanley und BlackRock. Die Erwartungen sind hoch: Analysten rechnen bei den sechs größten US-Instituten mit bis zu 20 Prozent mehr Gewinn als im Vorjahr, getragen von einem starken Investmentbanking und lebhaften Handelsgeschäften. Doch die eigentliche Geschichte dieser Saison steht nicht in den Gewinnzeilen, sondern in den Kommentaren der Vorstandschefs. Denn zum ersten Mal legen die Banken Rechenschaft ab in einem Zinsumfeld, das es so seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht gegeben hat – und jeder Satz über Einlagenkosten, Kreditwachstum und Kreditqualität wird an den Märkten auf die Goldwaage gelegt.</p><h3>Rekorde oben, Zweifel unten</h3><p>Die Ausgangslage ist paradox. Der S&P 500 schloss am 6. Oktober bei 7.818,93 Punkten – ein Rekordhoch, das eine robuste Konjunktur und sprudelnde Unternehmensgewinne suggeriert. Doch der KBW Bank Index, das Barometer des US-Bankensektors, liegt 13 Prozent unter seinem August-Hoch und hat im dritten Quartal sechs Prozent verloren. Die Diskrepanz erzählt die wahre Geschichte: Während der breite Markt noch die Gewinne von gestern feiert, preisen Bankaktien bereits die Kosten von morgen ein. Steigende Anleiherenditen verteuern die Refinanzierung, bremsen das Kreditgeschäft und würgen zum Quartalsende hin das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen ab. Die UBS-Analystin Erika Najarian brachte es in einer Kundennotiz auf den Punkt: Die Schwäche der Bankaktien hängt direkt am Renditeanstieg, und die Branche schuldet den Investoren nun drei Zusicherungen – dass die Pipeline im Kapitalmarktgeschäft intakt bleibt, dass das Kreditwachstum auf Kurs ist und dass der Anstieg der Einlagenkosten eingedämmt bleibt. Heute wird sich zeigen, ob die Chefs diese Zusicherungen liefern können.</p><h3>Der Zins: Freund des Zinsergebnisses, Feind des Wachstums</h3><p>Die zehnjährige US-Rendite pendelt zwischen 5,24 und 5,35 Prozent – der höchste Stand seit 2002. Für Banken ist das ein zweischneidiges Schwert. Die gute Seite: Die steilere Zinskurve hilft dem Zinsergebnis, der wichtigsten Ertragsquelle. Kredite und Wertpapieranlagen passen sich schneller an höhere Zinsen an als die Einlagen der Kunden – die Institute sind, wie es im Fachjargon heißt, zinssensitiv auf der Aktivseite. Die Schätzungen sprechen eine deutliche Sprache: Für JPMorgan wird ein Nettozinsertrag von 26,88 Milliarden Dollar erwartet, ein Plus von 12,2 Prozent zum Vorjahr. Die schlechte Seite: Dieselben hohen Zinsen verteuern die Einlagen, sobald Kunden höhere Verzinsung einfordern oder ihr Geld in Geldmarktfonds umschichten. Die Fondsmanagerin Cheryl Pate von Angel Oak Capital Advisors erwartet zwar keine dramatischen Abflüsse und keinen sprunghaften Anstieg der Einlagenkosten, doch die Richtung ist eindeutig. Dazu kommt die Sorge um die Kreditqualität: Solange die Konjunktur hält, bleiben die Ausfälle niedrig – aber bei einer Rendite von über fünf Prozent wird jeder faule Kredit teurer. Ein Hoffnungsschimmer: Eine Wiederholung der stillen Wertpapierverluste aus der Bankenkrise von 2023 erwarten Analysten nicht, die Institute haben seither die Laufzeiten ihrer Portfolios verkürzt und das Zinsrisiko enger gesteuert.</p><h3>Worauf die Chefs antworten müssen</h3><p>Die Berichtsvorlagen der vier Institute zeichnen unterschiedliche Profile. JPMorgan, die unangefochtene Nummer eins, stellt für das Investmentbanking und den Handel Zuwächse im mittleren bis hohen zweistelligen Prozentbereich in Aussicht – Jamie Dimons Haus profitiert wie kein zweites von der Volatilität der Märkte. Ganz anders die Bank of America, die für morgen einen Rückgang der Investmentbanking-Gebühren von mindestens zehn Prozent signalisiert hat: Das Geschäft mit Übernahmen und Börsengängen ist zum Quartalsende spürbar abgekühlt. Goldman Sachs und Morgan Stanley wiederum leben stärker vom Kapitalmarkt als vom klassischen Kreditgeschäft und dürften die höchsten relativen Gewinnzuwächse ausweisen – bei Goldman werden 25,7 Prozent mehr erwartet. Doch Vorsicht: Die Analysten von Breakingviews warnen, dass das Handelsgeschäft seinen Zenit überschritten haben könnte. Jahre erhöhter Volatilität und das Wachstum unabhängiger Market-Maker wie Jane Street und Citadel Securities haben den Banken ungewöhnlich konstante zweistellige Zuwächse beschert. Wenn der Schwung nachlässt, werden die Handelsabteilungen, in die viel Kapital geflossen ist, zur Belastung – und die Versuchung wächst, für die Rendite mehr Risiko zu nehmen. Genau das werden die Investoren heute in den Telefonkonferenzen abklopfen.</p><h3>Frankfurt schaut zu: DAX, EZB und die deutschen Banken</h3><p>Für Europa ist der heutige Tag ein Vorgeschmack mit Ansage. Der DAX hängt am Takt der Wall Street, und was die US-Banken über Kreditqualität und Einlagenkosten berichten, lesen deutsche Risikomanager wie ein Frühwarnsystem. Deutsche Bank und Commerzbank folgen mit ihren Zahlen in zwei Wochen – und sie operieren im selben Hochzins-Regime, nur mit dünneren Margen und einem trägeren Einlagenmarkt. Die EZB beobachtet die US-Daten ebenfalls genau, denn die amerikanische Zinslandschaft setzt den Rahmen, in dem auch sie agieren muss. Der Kalender der Woche ist dicht gedrängt: Am Mittwoch kommen die US-Verbraucherpreise – Konsens 3,6 Prozent im Jahresvergleich –, am Freitag spricht Fed-Chef Kevin Warsh in Bangkok mit IWF-Chefin Kristalina Georgieva, dem letzten öffentlichen Auftritt vor der Sitzung am 28. Oktober. Der Markt preist für Oktober eine Pause ein, für Dezember eine weitere Anhebung um 25 Basispunkte; die Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung noch im Oktober liegt bei rund 21 Prozent. Jede Zeile aus den Bankbilanzen, die auf nachlassende Kreditnachfrage oder steigende Ausfälle hindeutet, wird diese Wetten neu sortieren.</p><h3>Urteil: Das erste Protokoll des Hochzins-Regimes</h3><p>Die heutigen Zahlen sind mehr als eine Quartalsroutine – sie sind das erste ausführliche Protokoll des Hochzins-Regimes, in dem die Weltwirtschaft nun operiert. Die Gewinne werden voraussichtlich stark ausfallen, getragen von Zinserträgen und Handelsgeschäften. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel die Banken verdient haben, sondern ob das Geschäftsmodell bei fünf Prozent Rendite dauerhaft trägt: Halten die Einlagen? Wächst das Kreditbuch? Bleibt die Kreditqualität sauber? Wer hier schwächelt, wird abgestraft – und zieht über die globalen Kapitalmärkte auch den europäischen Bankensektor mit nach unten. Für Anleger in Frankfurt gilt: Heute zuhören, in zwei Wochen vergleichen. Die Berichtssaison hat gerade erst begonnen, aber ihr wichtigstes Kapitel wird heute geschrieben.</p>

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