WERKWANDEL
KI

KI-Infrastruktur im IPO-Fieber: DayOne peilt 20-Milliarden-Dollar-Bewertung an

DayOne Data Centers hat bei der US-Börsenaufsicht SEC offiziell den IPO beantragt. Der aus China hervorgegangene Rechenzentrumsbetreiber aus Singapur könnte bis zu fünf Milliarden Dollar einsammeln und bei rund 20 Milliarden bewertet werden. Mit Switch und Nscale stehen weitere Milliarden-Kandidaten bereit.

<p>Es ist der Börsengang, auf den die gesamte KI-Branche gewartet hat: DayOne Data Centers, der in Singapur ansässige Rechenzentrumsbetreiber, hat am Montag offiziell den Antrag auf ein US-amerikanisches Börsendebüt bei der Börsenaufsicht SEC eingereicht. Das Unternehmen hatte die Papiere bereits im August vertraulich hinterlegt – jetzt ist der Prozess öffentlich. Laut einem Bericht von Bloomberg könnte DayOne bis zu fünf Milliarden US-Dollar einsammeln, bei einer Zielbewertung von rund 20 Milliarden Dollar. Wäre das so, wäre es einer der größten Technologie-Börsengänge der vergangenen Jahre – und ein Gradmesser dafür, wie weit die Finanzmärkte bereit sind, das KI-Infrastruktur-Gold zu finanzieren.</p>

<h3>Von GDS International zu DayOne</h3>

<p>Die Geschichte von DayOne ist eng mit dem chinesischen Datencenter-Riesen GDS verwoben. Das Unternehmen ist die internationale Sparte von GDS – bis 2025 firmierte es noch als GDS International, ehe es sich in DayOne umbenannte und auf eigenen Füßen stehen lernte. Seither hat sich die Firma zu einem der am aggressivsten expandierenden Betreiber von Rechenzentren in Asien und Europa entwickelt. Seit der Gründung 2022 hat DayOne Buchungen für mehr als 1,5 Gigawatt Rechenleistung in Asien-Pazifik und Europa unterzeichnet – eine Zahl, die in der Branche aufhorchen lässt, weil sie zeigt, wie massiv Hyperscaler und KI-Firmen derzeit Kapazitäten vorsichern.</p>

<p>Die Investorenliste liest sich wie ein Who-is-who des globalen Tech-Kapitals: Coatue und Hillhouse führten im Juni eine Finanzierungsrunde über 4,5 Milliarden Dollar an, beteiligt waren zudem Achi Capital und der indonesische Staatsfonds. Auch SoftBanks Vision Fund und Citadel-Gründer Ken Griffin zählen zu den Geldgebern – und GDS selbst bleibt Aktionär. Als Konsortialbanken für den Börsengang hat DayOne Schwergewichte verpflichtet: Morgan Stanley, JPMorgan, BofA Securities und Citigroup. Dass gleich vier der größten Häuser an Bord sind, zeigt, wie ernst die Wall Street den Deal nimmt.</p>

<h3>Umsatz verdreifacht – aber rote Zahlen</h3>

<p>Die in den SEC-Unterlagen offengelegten Zahlen erzählen die klassische Geschichte des KI-Booms: Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete DayOne einen Umsatz von 512 Millionen Dollar – mehr als drei Mal so viel wie die 151,5 Millionen im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig riss das Unternehmen einen Nettoverlust von 81,9 Millionen Dollar, verglichen mit 13,5 Millionen Dollar ein Jahr zuvor. Wachstum also um jeden Preis: Jede neue Rechenzentrumsanlage frisst zunächst Milliarden an Investitionen, bevor die ersten Server laufen und Mietverträge kassieren.</p>

<p>Genau hier liegt die zentrale Bewertungsfrage, die Investoren in den kommenden Wochen beantworten müssen: Ist DayOne ein Infrastrukturkonzern mit wiederkehrenden Einnahmen und langfristigen Mietverträgen – oder ein kapitalintensiver Baukonzern, dessen Margen erst in vielen Jahren überzeugen? Die Bullen verweisen auf die 1,5 Gigawatt an vorgebuchten Kapazitäten und die Tatsache, dass Hyperscaler wie AWS, Microsoft und Google ihre Investitionspläne weiter hochfahren. Die Bären sehen steigende Verluste, einen zyklischen Markt und die politische Fallhöhe eines Unternehmens mit chinesischen Wurzeln, das in den USA an die Börse geht.</p>

<h3>Europas Hunger nach Rechenleistung</h3>

<p>Für europäische Anleger ist DayOne besonders interessant, weil das Unternehmen auf dem Kontinent bereits präsent ist: In Finnland und Spanien betreibt oder baut DayOne Rechenzentren – dazu kommen Standorte in Singapur, Malaysia, Indonesien, Thailand, Hongkong und Japan. Finnland ist dabei kein Zufall: Günstiger Strom, kühles Klima und eine stabile politische Lage machen das Land zu einem der gefragtesten Datenzentrums-Standorte Europas. Spanien wiederum profitiert von der Glasfaser-Anbindung an die USA und von Solarkraft, die Rechenzentren mit grüner Energie versorgen kann.</p>

<p>Die europäische Nachfrage nach KI-Rechenleistung wächst derzeit schneller als das Angebot. Regierungen und Unternehmen bauen eigene KI-Initiativen auf, die EU will mit ihren AI-Factories souveräne Kapazitäten schaffen – und die Hyperscaler sichern sich Flächen, Strom und Genehmigungen, wo immer sie können. Ein Börsengang von DayOne mit europäischem Fußabdruck dürfte deshalb auch hierzulande auf Interesse stoßen: Er macht den Wert der eigenen Infrastruktur sichtbar und gibt europäischen Investoren eine neue Möglichkeit, am KI-Capex-Boom teilzuhaben.</p>

<h3>Die IPO-Schlange wird länger</h3>

<p>DayOne ist kein Einzelfall, sondern das sichtbarste Zeichen einer neuen Welle: Die Betreiber von Rechenzentren entdecken die Börse als Finanzierungsquelle. Der US-Konkurrent Switch strebt laut Berichten eine Bewertung von rund 50 Milliarden Dollar inklusive Schulden an, der Londoner Anbieter Nscale könnte bei seinem Börsengang bis zu drei Milliarden Dollar einsammeln. Nach Jahren, in denen Private-Equity-Fonds und Staatsfonds die Branche unter sich aufteilten, öffnen sich die Unternehmen nun dem öffentlichen Kapital – auch weil die benötigten Summen so groß werden, dass private Märkte allein sie kaum noch stemmen können.</p>

<p>Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Die Aktienkurse von Nvidia und den Hyperscalern erreichen Rekordstände, die Nachfrage nach KI-Chips übersteigt das Angebot, und jede neue Generation von KI-Modellen verlangt ein Vielfaches an Rechenleistung. Wer heute Rechenzentren baut, verkauft in die heißeste Nachfrage der Technologiegeschichte hinein. Die Frage ist nur, wie lange sie anhält – und ob die Bewertungen von 20 oder 50 Milliarden Dollar auch dann noch Bestand haben, wenn der erste Hype abgeflacht ist.</p>

<h3>Fazit</h3>

<p>DayOnes Börsengang wird zum Lackmustest für die KI-Infrastruktur-Bewertungen: Fünf Milliarden Dollar frisches Kapital für ein Unternehmen, das in sechs Monaten 512 Millionen Dollar Umsatz und 82 Millionen Dollar Verlust verbucht hat – das ist entweder die Geburt eines neuen Infrastrukturriesen oder der vorläufige Höhepunkt eines Booms, dessen Rechnung irgendwann fällig wird. Für Europa ist die Nachricht trotzdem positiv: Der Kontinent bekommt mit Finnland und Spanien einen größeren Anteil an der globalen Rechenleistung – und europäische Anleger eine neue Chance, am KI-Zeitalter zu verdienen, statt nur zuzusehen.</p>

Zurück · WerkWandel