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Finanzen

Nur 29.000 neue Jobs – die Fed entscheidet im Oktober im Blindflug

Der US-Arbeitsmarkt hat im September mit nur 29.000 neuen Stellen klar enttäuscht – und die Wall Street feiert trotzdem. Denn schwache Zahlen dämpfen die Zinssorgen. Doch der Government Shutdown versetzt die Notenbank in eine beispiellose Lage: Zur Oktober-Sitzung fehlen ihr genau die Daten, auf die sie sich sonst stützt.

<p>Es war der schwächste Arbeitsmarktbericht seit Langem – und die Börse reagierte mit einer Rally. Im September schuf die US-Wirtschaft gerade einmal 29.000 neue Stellen, nach 133.000 im August und deutlich unter den Erwartungen der Volkswirte. Am Freitag legte der S&P 500 dennoch 0,7 Prozent zu und notiert nahe seinem Rekordhoch, der Dow Jones gewann zwischen 250 und 400 Punkte, der Nasdaq kletterte um 1,2 Prozent. Die Anleiherenditen gaben nach.</p> <p>Die Logik dahinter ist so alt wie zynisch: Bad news is good news. Schwache Jobzahlen bedeuten weniger Lohndruck, weniger Lohndruck bedeutet weniger Inflationsgefahr – und weniger Inflationsgefahr bedeutet, dass die Notenbank die Zinsen nicht weiter anheben muss. Genau diese Hoffnung trieb am Freitag die Kurse. Am Anleihemarkt übersetzte sich das in fallende Renditen, was wiederum die Diskontsätze für künftige Unternehmensgewinne senkt – ein Mechanismus, von dem besonders die hoch bewerteten Technologiewerte profitieren, weshalb der Nasdaq die Indizes anführte.</p> <h3>Die Kehrtwende vom 16. September</h3> <p>Noch vor wenigen Wochen sah die Welt anders aus. Am 16. September hatte die Federal Reserve die Zinsen auf 3,75 bis 4,00 Prozent ERHÖHT – die erste Anhebung seit drei Jahren. Nach einer langen Phase, in der die Märkte fest mit Zinssenkungen gerechnet hatten, vollzog die Notenbank damit eine Kehrtwende um 180 Grad. Die Botschaft: Die Inflation ist noch nicht besiegt, der Arbeitsmarkt war bis dahin robust genug, um höhere Zinsen zu verkraften.</p> <p>Der September-Bericht stellt diese Erzählung nun infrage. Wenn der Arbeitsmarkt schneller abkühlt als gedacht, wird jede weitere Zinserhöhung zum Risiko: Sie könnte die Konjunktur abwürgen, statt die Inflation zu zähmen. Die Fed steht damit vor einem klassischen Dilemma – und muss es unter erschwerten Bedingungen lösen. Denn während die Konjunkturdaten schwächer werden, ist die Inflation noch nicht auf dem Zielwert. Genau in dieser Zwickmühle entscheidet sich, ob die Zinserhöhung vom September ein notwendiger Schritt oder ein politischer Fehler war.</p> <h3>Zwei Märkte, zwei Wahrheiten</h3> <p>Bemerkenswert ist, wie gespalten die Märkte über den weiteren Zinspfad sind. Auf der Wettplattform Polymarket liegt die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im Jahr 2026 bei 84 Prozent. Der professionelle Swap-Markt und die CME-Futures preisen dagegen weniger als 23 Prozent ein – vor einer Woche waren es noch 64 Prozent. Die UBS wiederum rechnet mit Zinssenkungen von insgesamt 75 Basispunkten über die kommenden drei Sitzungen. Fondsmanager Louis Navellier sieht den S&P 500 im vierten Quartal sogar um 8 Prozent steigen.</p> <p>Diese Diskrepanz ist kein Rechenfehler, sondern ein Stimmungsbild. Polymarket spiegelt die Erwartung vieler Marktteilnehmer wider, dass die Inflation hartnäckig bleibt und die Fed nachlegen muss. Die institutionellen Zinsmärkte wetten dagegen darauf, dass die Konjunktur der Fed die Entscheidung abnimmt. Beide Seiten können nicht recht behalten – und genau darin liegt die Sprengkraft der kommenden Wochen. Für europäische Anleger kommt hinzu: Jede Fehleinschätzung der Fed bewegt den Dollar, und damit die exportlastigen Indizes dies- und jenseits des Atlantiks.</p> <h3>Der Shutdown-Blindflug</h3> <p>Verschärft wird die Lage durch den Government Shutdown in Washington. Wichtige Konjunkturdaten werden derzeit nicht veröffentlicht, die Statistikämter arbeiten nur eingeschränkt. Die Fed steuert damit auf ihre Oktober-Sitzung zu, ohne die Daten, die sie normalerweise nutzt – Arbeitsmarkt, Inflation und Konsum in der gewohnten Detailtiefe. Sie entscheidet im Blindflug, gestützt auf private Schätzungen, regionale Fed-Umfragen und schlicht auf Erfahrung.</p> <p>Das erhöht das Fehlerrisiko in beide Richtungen: Hebt sie die Zinsen an und der Arbeitsmarkt bricht in Wahrheit bereits ein, würgt sie die Konjunktur ab. Pausiert sie und die Inflation zieht wieder an, verliert sie Glaubwürdigkeit. Für eine Notenbank, deren wichtigstes Kapital das Vertrauen der Märkte ist, ist das die unbequemste aller Lagen. Frühere Shutdowns haben gezeigt, dass Datenlücken nachgeholt werden können – aber eine Zinsentscheidung lässt sich nicht nachholen, sie wirkt sofort.</p> <h3>Was das für deutsche Anleger bedeutet</h3> <p>Die Unsicherheit über den US-Zinspfad schwappt direkt nach Europa. Steigen die US-Renditen, zieht das Kapital aus dem Euroraum ab und der Euro gerät unter Druck – gut für deutsche Exporteure, schlecht für Importpreise und damit für die heimische Inflation. Fallen die US-Zinsen dagegen schneller als die der EZB, dreht sich das Bild. Für DAX-Anleger heißt das: Die US-Geldpolitik bleibt der wichtigste externe Taktgeber, und solange die Fed im Blindflug entscheidet, sollten Währungs- und Zinsrisiken aktiv gemanagt statt ausgesessen werden.</p> <p>Auch am deutschen Anleihemarkt sind die Folgen spürbar. Bundesanleihen folgen den US-Treasuries meist mit Verzögerung, aber verlässlich. Wer in den kommenden Wochen Unternehmensanleihen oder Immobilienfinanzierungen plant, sollte mit schwankenden Konditionen rechnen – die Volatilität der Zinserwartungen übersetzt sich eins zu eins in die Finanzierungskosten der Realwirtschaft.</p> <h3>Fazit: Volatilität ist programmiert</h3> <p>Anleger sollten sich auf unruhige Wochen einstellen. Das Basisszenario bleibt eine weiche Landung: Der Arbeitsmarkt kühlt ab, ohne einzubrechen, die Inflation ebbt langsam ab, und die Fed findet zum Jahresende einen Weg zu moderaten Senkungen – so wie es die UBS erwartet. Doch die Bandbreite der Szenarien ist derzeit so groß wie selten: von der hartnäckigen Inflation mit weiteren Erhöhungen bis zur überhasteten Abkühlung mit hastigen Senkungen.</p> <p>Entscheidend werden die kommenden Datenpunkte sein – sobald sie wieder veröffentlicht werden. Lohndruck, Kerninflation und Konsumausgaben bestimmen, welche der beiden Marktwahrheiten sich durchsetzt. Bis dahin gilt: Positionen nicht überhebeln, auf Qualität und robuste Bilanzen setzen und die Zinsfantasie nicht mit Gewissheit verwechseln. Die Rally vom Freitag war verständlich – aber sie war eine Wette, keine Gewissheit. Und Wetten auf eine blinde Notenbank sollte niemand zu groß ansetzen.</p>

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